Zentrale Konzepte

Gesellschaftliche Resilienz und „Highland-Scapes“:

Das iranische Hochland verfügt über zahlreiche Landschaftsräume und ökologische Nischen, die menschliche Gesellschaften in ganz eigener Weise prägten bzw. durch den Menschen in eigener Weise geformt wurden. Diese durch extrem aride und wasserarme Zonen, durch montane Lebensräume, Flusstäler, Beckenlagen und Durchgangsräume geprägten Lebenswelten bieten keinen krisenfesten Rahmen. Die Spannweite politischer Organisationsformen reicht dementsprechend von dezentralisierten, modular aneinander gebundenen Strukturen bis hin zu zentralisierten, überregionalen Organisationsformen. Andersartig gestalten sind mobile Lebensformen mit der ihnen eigenen Durchlässigkeit. In das sich hierdurch formende Geflecht an Institutionen sind ökonomische und andere Alltagspraktiken eingeschrieben, die unter anderem für die oft reibungslose und dennoch flexible Reproduktion von Strukturen sorgen. Solche Alltagspraktiken werden in Erweiterung des kulturanthropologischen Diskurses (etwa im Sinne Tim Ingolds) für die Interpretation von Aneignungsprozessen einzelner natürlicher Ressourcen genutzt, bieten aber auch für die Fragen nach Mobilitätsfaktoren einen geeigneten Rahmen. Projekte sollen sich den Fragen des Zusammenhangs von Strukturen und Alltagspraxis in Lebenswelten dieser „Highlandscapes“ annähern, um die Grundlagen für die den Hochlandgesellschaften eigene Beständigkeit besser verstehen zu können.

Die Skalenproblematik:

Eine präzise Unterscheidung von Skalen wird als grundlegend wichtig erachtet, um die Reichweite der an archäologischen, historischen und sprachwissenschaftlichen Quellen entwickelten Einsichten beurteilen und diese sinnvoll zusammenführen zu können. So ist der Austausch von Rohstoffen an die Reichweite von Produktions- und Konsumpraktiken gebunden und abhängig von Faktoren wie der Wegeanbindung, die ihrerseits in weiteren Umfeldern wirksam sind, etwa der Weitergabe lokaler Wissensbestände. Mobilität und Austausch können ohne die Bestimmung räumlicher und gesellschaftlicher Skalen nicht beurteilt werden. Im Bereich weitreichender politischer oder ökonomischer Institutionen sind Skalen deshalb von solch eminenter historischer Bedeutung, weil Institutionenbestand meist an Handlungsweisen auf der Mikroebene hängt, sei es an Ritualen, die durch Formalisierung politische Organisationen festigen, sei es durch Tradition gewordene Arbeitsabläufe, die einen regulären Zufluss an Subsistenz- und anderen Gütern absichern.

Schwerpunktthemen und Forschungsfelder

Das SPP 2176 wird in drei Schwerpunktthemen gegliedert, zu denen sich die unten genannten Forschungsfelder quer und verbindend verhalten. Projekte sollen mindestens in einem Schwerpunktthema verankert sein und Beiträge zu den zentralen Forschungsfeldern leisten.

ST 1. Landschaften und Rohstoffregime:

Die Bedeutung des vielfältig strukturierten Rohstoffraumes für die Lebensbedingungen der Bevölkerungen des iranischen Hochlandes ist evident. Erstmals soll allerdings diese Grundkonstante der „Highlandscapes“ des Iranischen Hochlandes diachron und in ihrer Vielfalt untersucht und nach ihren Auswirkungen auf wirtschaftliche und soziale Praktiken hin analysiert werden. Welche hochlandspezifischen Ressourcenregime konnten sich in den prähistorischen bis vormodernen Hochlandgesellschaften entwickeln und wie haben diese auf die gesellschaftlichen Institutionen und Netzwerke eingewirkt?

ST 2. Alltag und Institution:

Ein Hauptinteresse gilt der Frage, wieweit die zunehmende Ausdifferenzierung („Spezialisierung“) von Institutionen und ihre Verstetigung einer (prä)historischen Realität entsprechen. Welche hochlandspezifischen Konfigurationen konnten sich in der gesellschaftlichen Entwicklung herausbilden? Wurden diese von einer vorübergehenden Existenz zu festen Bestandteilen der Hochlandgesellschaften, und unter welchen Bedingungen? Kam es zur Ausprägung hochlandspezifischer Praktiken und Institutionen, die wiederum weitere materielle und kulturelle Erscheinungsformen in den kulturellen und geographischen Umfeldern nach sich zogen? Welche Auswirkungen hatten diese für Alltagspraktiken und umgekehrt?

ST 3. Mobilität und Netzwerke:

Wie intensiv war gesellschaftliche Mobilität in den Hochlandgesellschaften, welche Formen nahm sie an und wie durchlässig, anpassungsfähig und resilient waren solche Lebensformen? Wie ist die durch Mobilität hervorgerufene interregionale 'Connectivity' zu bewerten? Insgesamt ist zu fragen, inwieweit bestimmte Landschaften des iranischen Hochlands genau jene ökologischen Nischen und Netzwerke für pastorale Institutionen (z.B. Viehmärkte und Feste an den Sommerweiden) bereithielten, die es anderen, entfernteren Gemeinschaften ermöglichten, erfolgreich einzuwandern und sich in solchen Gegenden zu etablieren. Gerade in Hinblick auf Parther, Seldschuken und Mongolen – oft pauschal und einseitig als „Fremdkulturen“ angesprochen – fehlt hier die nötige Grundlagenforschung.

Die drei Themenbereiche können in verschiedene Forschungsfelder gegliedert werden. Es wird empfohlen, dass die Projekte einen spezifischen Beitrag dazu leisten:

Forschungsfeld (FF) 1: Rohstoffnetze und Ressourcenaneignungsstrategien

Regionale Produktionen, ihre Einbettung in rurale Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen und der (inter)regionale Konsum der Rohstoffe sollen in Bezug auf den Aufforderungscharakter (Affordanzen) der Ressource und die damit verbundenen gesellschaftlichen Innovationen untersucht werden.

FF2:Bevölkerungsdynamik und Siedlungssysteme

Siedlungsdynamik und diachrone Veränderungen in Siedlungskammern stehen im Zentrum von Untersuchungen in denen auch nach (prä)historischen Populationsgrößen für einzelne Siedlungskammern gefragt werden soll.

FF3:Subsistenzstrategien

Anhand der Analyse von Ackerbau- und Weidewirtschaftssystemen sollen hochlandtypische Subsistenzstrategien archäologisch (archäobotanisch, zooarchäologisch, isotopisch) sowie durch Analysen von Bewässerungssystemen herausgearbeitet werden.

FF4: Strategien der Entfernungsbewältigung – Wege und Wegemodellierung

Hauptverkehrsadern, Wegstrecken und -stationen (z.B. Karawansereien) eröffnen Zugriffe in die Raumkonzeptionen (z.B. mental maps) der Hochlandbevölkerungen, aber auch in institutionelle und außerinstitutionelle Zustände, wie sie sich bei der Routennutzung ergaben. Sie können eine primäre Rolle spielen beim Entstehen von überregionalen Netzwerken oder diese als stabilisierende Faktoren unterstützen (‚connectivity’).

FF5: Mobilitätsmuster

Die interne Zirkulation von Personen und Sachen im iranischen Hochland erschließt wie die Frage nach der Integration von immigrierenden Gruppen das komplexe Bevölkerungsmuster des Hochlandes. Mittel der Analyse solcher Phänomene reichen von Sprachverbreitungen zur räumlichen Verteilung von Exotika und Grabformen. Dazu sollen auch Formen des Nomadismus sowie der politischen und individuellen Mobilität über textliche, archäologische und archäobiologische Quellen erforscht werden.

FF6: Politische Systeme/politische Ökonomie

Alltagspraktiken sowie religiöse und politische Institutionen des Hochlandes haben zu kulturellen Kernen und Identitäten stark variabler Reichweite geführt. Diese Strukturen spiegeln sich in (über)regionalen Herrschaftssystemen und den politischen Ökonomien von mehr oder weniger dezentral organisierten Hochlandgesellschaften oder auch der politischen und/oder religiösen Architektur.

FF7: Intra- und transkulturelle Netze des Wissenstransfers und kulturelle Erfahrungen.

Alltagspraxis, Sprache, materielle Kultur und technische Errungenschaften sollen in ihrem Beitrag zur Herausbildung von Traditionskernen als einem mittel- bis längerfristig reproduzierten Set an Institutionen und Routinen untersucht werden. Dabei soll die geographische und kulturelle Reichweite dieser Traditionen im Sinne religiöser, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Einheiten analysiert werden.

FF8: Dynamik kultureller Kerne

Kulturtechniken wie Sprache und ihre Dialekte, Praktiken wie Handwerk und Bauformen und rituelle Systeme sollen auf Fragmentierungen, Hybridisierungen und Vereinheitlichungen von kulturellen Traditionen (sowohl materiell als auch ideell) hin untersucht werden und zu einer Neubewertung von dominanten Metanarrativen von „Völkern und Stämmen“ führen.